ADS Rheine




ADS und Rechtschreibschwäche

Wenn üben allein nicht reicht, könnte ein ADS die Ursache sein.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung im Stirnhirnbereich (Frontalhirn) und einiger mit ihm verknüpfter Nervenzellgruppen (Basalganglien) infolge einer Dysbalance im Neurotransmittersystem. Neurotransmitter sind Botenstoffe, die Nervenreize übertragen bzw. weiterleiten und deren Verhältnis zu einander die Voraussetzung für eine ungestörte Funktion schafft. Ist dieses Verhältnis der Botenstoffe zueinander gestört, kommt es zu Auffälligkeiten im Verhaltens- und Leistungsbereich, wie wir sie beim ADS haben.
Zum ADS gehört nicht nur die hyperaktive Störung mit dem typischen "Zappelphilipp-Syndrom", sondern auch das viel zu langsame, verträumte, antriebsarme und unkonzentrierte Kind. Für diese ADS-Form gibt es bisher noch keine eindeutige Bezeichnung. Dieser Subtyp wird bezeichnet als "der unaufmerksame Typ, ADS ohne Hyperaktivität" oder auch als "hypoaktiv", was soviel wie zu wenig aktiv bedeutet.
Die Symptome des ADS


• Die Unfähigkeit der Aufrechterhaltung einer Daueraufmerksamkeit bei nachlassendem Interesse
• Der geringe Arbeitsspeicher im Gehirn und die Vergesslichkeit

• Unzureichendes Filtern von Wahrnehmungen, Wichtiges wird nicht von Unwichtigem unterschieden, das Arbeitsgedächtnis durch zu viele Informationen überlastet.
• Die Impulssteuerungsschwäche, Gefühle können nicht "abgefangen" und gesteuert werden, sondern sie werden spontan, extrem und ungebremst ausreagiert.
• Die Fein- Grapho- und Grobmotorik ist unterschiedlich beeinträchtigt
• Die unzureichende Automatisierung im Lern- und Handlungsablauf
• Mangelnder Antrieb und schlechte Arbeitsorganisation
• Dazu fakultativ unterschiedliche Wahrnehmungsstörungen


Das ADS ist somit gekennzeichnet durch Auffälligkeiten im Leistungs- und Verhaltensbereich, sowohl zu Hause als auch in der Schule. Gerade in der Schule liegen bei den betroffenen Kindern die Lernergebnisse oft weit unter ihrem eigentlichen intellektuellen Leistungsvermögen. Dabei handelt es sich sehr oft um Kinder und Jugendliche mit einer guten bis sehr guten Intelligenz. Gerade hochbegabte Kinder leiden unter einem nicht erkannten ADS mit Rechtschreibschwäche besonders. Deshalb sollte bei hoch- und sehr begabten Kindern, die in der Schule oder zu Hause im Verhaltens- und/oder im Leistungsbereich auffällig sind, unbedingt ein ADS ausgeschlossen werden.

Die Ursachen des ADS

Sie sind weder eine Fehlerziehung noch eine frühkindliche Hirnschädigung, beide können jedoch die ADS- Symptomatik wesentlich verstärken. Die Entwicklung dieser Kinder bereitet ihren Eltern und ihren Lehrern viele Probleme, denn sie leiden und spüren, dass sie anders empfinden und reagieren, weshalb sie von ihrer Umgebung oft nicht verstanden werden. Das verunsichert sie, ihr Selbstwertgefühl leidet. Sie reagren darauf mit Rückzug und Ängsten oder mit Aggressivität, wodurch sie schließlich zum Außenseiter werden können. Sie fühlen sich ungeliebt und abgelehnt.

Nach bisherigen Kenntnissen handelt es sich beim ADS um eine genetisch verursachte Transporterstörung, wobei folgende Botenstoffe (Neurotransmitter) einzeln oder in Kombination betroffen sein können: Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Welcher Neurotransmitter (Botenstoff) unzureichend verfügbar ist und welche Teile des Frontalhirnes in ihrer Funktion dadurch gestört sind, entscheidet über die individuelle ADS-Symptomatik. Kaum ein ADS gleicht dem anderen. So gibt es ein Spektrum von hyperaktiv zu hypoaktiv (zu stark oder zu wenig in Reaktion und Antrieb), was wiederum durch die unterschiedlichen äußeren Einflüsse mitbestimmt wird und durch seine Symptomvielfalt die Diagnostik erheblich erschwert.

Der neurobiologische Nachweis des ADS erfolgt mit dem PET (Positronenemissions-tomogramm), dem SPECT (Single-Photonen-Emmisions-Computertomogramm), der funktionellen Magnetresonanztomographie, dem genetischen Nachweis einer Dopamin- oder Serotonintransporterstörung, dem EEG mit Aufzeichnung ereigniskorrelierter Potentiale, der Beurteilung der P 3-Welle bei den akustisch evozierten Potentialen, um nur einige Untersuchungsmethoden zu nennen , die bei der wissenschaftlichen Erforschung des ADS zur Zeit eine Rolle spielen und auch nur dieser vorbehalten sind.
In der Praxis kann das ADS mit keinem einzelnen Test nachgewiesen werden, sondern die Diagnose muss aus der Lebensgeschichte des Betroffenen und seiner Familie, der Verhaltens- und Leistungsbeobachtung, der neurologischen Untersuchung, der psychomotorischen und psychometrischen Testung erfolgen, die der Suche nach reaktiven Fehlentwicklungen, Wahrnehmungs- und Teilleistungsstörungen dienen.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem ADS und den Teilleistungsstörungen?

Ein Hauptsymptom des ADS ist seine mangelhafte Reizverarbeitung, die zu Leistungs- und Verhaltensauffälligkeiten führt und wesentlich an der Entstehung einer Rechtschreibschwäche beteiligt ist.
Die Wahrnehmung ist oberflächlich, hüpfend (Neuhaus), es wird wie mit einer Weitwinkelkamera (Aust/Claus) viel zu viel wahrgenommen, davon aber zu wenig verarbeitet und gespeichert.
Es besteht eine niedrige Reizschwelle, für die einfallenden Reize ist das Filter zu groß, sie werden nicht nach ihrer Wichtigkeit gespeichert.
Durch diese Reizüberflutung reicht die Aufnahmekapazität des Arbeitsgedächtnisses nicht aus, es geht viel Information verloren. Besonders betroffen ist davon die Verarbeitung akustischer und visueller Reize.
Infolge Botenstoffmangels ist der Informationsaustausch zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis in beiden Richtungen nur begrenzt möglich, das Gelernte wird nicht ausreichend abgespeichert und ist somit in den nächsten Tagen nicht mehr verfügbar. Es wird bis auf einen Bruchteil alles Gelernte bald wieder vergessen. Ein erfolgreiches Lernen erfordert beim ADS-Kind ein ständiges Wiederholen, was zu seiner Überforderung führt und seine Motivation hemmt.
Ein schneller Vergleich mit Erinnerungen und eine schnelle Verfügbarkeit von bereits abgespeichertem Wissen sind nur begrenzt möglich. So werden Wörter immer wieder verkehrt geschrieben, es wird viel vergessen, erlernte Regeln können nicht je nach Bedarf sofort angewandt werden.
Eine Automatisierung von Lerninhalten und Handlungsabläufen ist sehr erschwert.

Folglich können akustische und visuelle Informationen schriftsprachlich nicht ausreichend schnell verknüpft werden. Das ADS-Kind muss zu viel und zu lange überlegen, was schnell zur Erschöpfung und zum Nachlassen der Konzentration führt.
Die Aufrechterhaltung einer gezielten Aufmerksamkeit ist über längere Zeit nicht möglich, das Nachdenken beim Schreiben gelingt nur kurzzeitig, denn die Ablenkung ist groß.
Bei Stress und emotionaler Erregung geht oft gar nichts mehr, hier kann es zu "Denk-blockaden" und Panik kommen.
Häufig besteht noch ein gestörtes dynamisches Binokularsehen (beidäugiges Sehen bei gleichzeitigem Bewegen der Augen), die sogenannte Blicksteuerungsschwäche. Hierbei bleiben die Augen unter der Bewegung zur Seite oder nach oben und unten nicht in der Parallelstellung. Dadurch entsteht kurzzeitig ein unscharfes Bild, das durch Blinzeln oder Kopfschiefhaltung erst wieder korrigiert wird. Das kostet dem Kind Zeit und Konzentration. Es kann dadurch das Wort schlechter erfassen und als Ganzes abspeichern. Außerdem verrutschen dem Kind beim Abschreiben und Lesen die Zeilen. Kinder mit Blicksteuerungsschwäche können von der Tafel nur sehr fehlerhaft abschreiben. Hinzu kommen oft noch viel zu kurze Sakkaden (Blicksprünge), die ihrerseits das Erfassen des gesamten Wortes, um es als solches im Gedächtnis abzuspeichern, erschweren.
Beim ADS bestehen Schwierigkeiten in der Fein- und Graphomotorik, die das Arbeits-gedächtnis ebenfalls überlasten. Das Kind konzentriert sich auf das Schreiben, was ihm schwerfällt und immer mit viel Kraftaufwand nur möglich ist und vergißt dabei einzelne Buchstaben zu schreiben.

Typisch für Rechtschreibschwäche beim ADS ist, dass das Kind einfache Wörter, die es schon hundertmal geschrieben hat, oft falsch schreibt, schwere Worte dagegen richtig, weil es sich auf das Schreiben des schweren Wortes konzentriert. Auch beim Buchstabieren oder dem Schreiben am Computer werden deutlich weniger Fehler gemacht, weil das Kind sich hierbei nur auf die Reihenfolge der Buchstaben konzentriert und diese nicht noch selbst schreiben muß.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich beim ADS mit Rechtschreibschwäche um eine Informationsverarbeitungsstörung handelt verbunden mit einer über einen längeren Zeitraum nicht ausreichender Konzentration und Daueraufmerksamkeit und mit Schwierigkeiten in der visuomotorischen Umsetzung. Die Folge ist, dass beim Schreiben die Lautzeichen (Phoneme) nicht automatisch in die richtigen Schriftzeichen (Grapheme) transformiert werden können. Die Ursache dafür wiederum ist ein Mangel an Botenstoffen (Neurotransmitter), die für die Weiterleitung von Informationen und somit für die Zusammenarbeit zwischen Stirnhirn und wichtigen Zentren für Wahrnehmungsverarbeitung zuständig sind. Somit würde eine Verbesserung an verfügbaren Botenstoffen die Informationsverarbeitung, die Konzentration und Daueraufmerksamkeit, die Zusammenarbeit von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis und die motorischen Fähigkeiten deutlich verbessern, was die Praxis auch beweist. Natürlich ist dazu ein kontinuierliches Rechtschreibtraining erforderlich, was unter der Behandlung mit Stimulanzien aber viel erfolgreicher ist. Dieser Erfolg motiviert, baut das Selbstbewusstsein wieder auf und verhindert sekundäre Folgeschäden. Durch die Behandlung mit Stimulanzien wird dem Kind eine Entwicklung ermöglicht, die seinen Fähigkeiten und seiner Intelligenz entspricht.

Vor jeder Stimulanzienbehandlung ist jedoch eine gründliche ADS-Diagnostik erforderlich. Eine Diagnostik mittels Fragebögen reicht nicht, sie ist viel zu subjektiv.
Wichtig für die Diagnostik sind neurologische Kenntnisse über die Funktion des Stirnhirns, Kenntnisse in der Entwicklungsdiagnostik, der Familiendynamik und der Familiengeschichte, denn das ADS wird vererbt. Ungünstige biologische und soziale Faktoren können zusätzlich noch seine Prognose verschlechtern.
Das ADS ist an sich keine Krankheit, sondern eine Veranlagung (Disposition), die aber bei zu großer psychischer Belastung und zu starker Ausprägung zur Dekompensation führen kann und dann zur Krankheit wird.
Inwieweit die schulischen Anforderungen an Konzentration, Daueraufmerksamkeit, an fein- und graphomotorischen Fähigkeiten, an Verhaltenssteuerung, an Merkfähigkeit, an strategischer Kompetenz zur Problemlösung, an auditiver und visuomotorischer Wahrnehmung - um nur einige zu nennen - zur Dekompensation führen, entscheiden beim ADS-Kind

• seine Intelligenz,
• der Grad seines Betroffenseins,
• das Verständnis des sozialen Umfeldes,
• die Höhe der Anforderungen und
• seine psychische Stabilität

In den letzten Jahren wird immer häufiger ein Zusammenhang von ADS und Lese-Rechtschreibschwäche, bzw. Rechenschwäche diagnostiziert und in der Therapie berücksichtigt. Die Häufigkeit wird in der Literatur unterschiedlich angegeben, sie liegt zwischen 30-50%, wobei das ADS ohne Hyperaktivität bisher noch viel zu selten berücksichtigt wurde. Dabei ist das ADS Ursache von Teilleistungsstörungen und nicht deren Folge, wie es von manchen immer noch vermutet wird.

ADS mit Teilleistungsstörungen und deren Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes

Unter Teilleistungsstörungen verstehen wir Beeinträchtigungen des Lern- und Leistungsverhaltens infolge umschriebener Funktionsstörungen bei sonst ungestörter körperlicher und geistiger Funktionsfähigkeit und einer intellektuellen Ausstattung, die im Normbereich oder darüber liegt.
Aus einer Summe dieser Funktionsstörungen kann es beim ADS-Kind zum Leistungsversagen in der Schule kommen in Form einer Lese-Rechtschreibschwäche oder/und einer Rechenschwäche. Wobei ADS-Kinder zu Beginn der Schulzeit zunächst hoch motiviert sind, bald aber besonders in schriftlichen Leistungen, im Verhalten, in der sozialen Integration und in der Daueraufmerksamkeit deutliche Defizite zeigen.
Alle gutgemeinten Ratschläge, wie still sitzen sollen, nicht stören, nicht zappeln, nicht dazwischen rufen, nicht träumen, nichts vergessen, besser schreiben, die Linien einhalten, andere nicht ärgern, sich nicht ablenken zu lassen usw. würden diese Kinder gern befolgen, wenn sie es nur könnten. So wird die Schule für sie zum Alptraum, sie beginnen an sich und ihren Fähigkeiten zu zweifeln.

Hyperaktive Kinder reagieren infolge ihrer inneren Verunsicherung aggressiv und beginnen den Unterricht zu stören. Sie reagieren sich nach außen ab, dabei geben sie meist anderen die Schuld an ihrem Verhalten.
Viel mehr leiden die "hypoaktiven" Kinder, sie sind introvertiert, suchen die Schuld bei sich und ziehen sich zurück. Sie entwickeln Ängste und begeben sich dank ihrer guten Phantasie in eine Traumwelt. Mit Hilfe der Phantasie geben sie den Ereignissen, auch den traumatisierenden, nachträglich eine Sinn. Somit hat das Abgleiten ins Träumen eine zentrale Funktion in der Erlebnisverarbeitung und wird zum Wirkungsort der inneren "stummen" Abwehr. Die Kinder "schalten ab" und gehen eigenen Gedanken nach. So können sie mit Hilfe ihrer Phantasie negative Erlebnisse ins positive umkehren und damit entschärfen.
Manchen Kindern mit ausgeprägtem ADS drohen dabei Defizite, sowohl im sozialen, als auch im schulischen Bereich. Dies führt langsam, aber stetig zum Abbau ihres Selbstwertgefühles. Sie entwickeln Versagensängste und eine Selbstwertproblematik. Auch ihre Lehrer und ihre Eltern merken bald: " Üben allein hilft nicht". Zu Hause wird der Schulstoff oder das Diktat gekonnt, in der Schule versagt das Kind. Es setzt sich selbst so sehr unter Druck, dass gar nichts mehr geht infolge seiner geringer emotionalen Belastbarkeit.

Therapeutische Strategien beim ADS mit Rechtschreibschwäche

Diesen Kindern kann erfolgreich geholfen werden, vorausgesetzt, sie sind motiviert. Die Diagnose ADS sollte immer von einem Fachmann gestellt werden, die Therapie erfolgt dann nach einem individuellen multimodalen Therapieprogramm. Zuerst müssen alle verfügbaren Ressourcen ausgeschöpft werden, um dann durch Gabe von Stimulanzien verbunden mit verhaltenstherapeutischer Begleitung erfolgreicher üben zu können. Das Kind bekommt wieder Freude am Üben, der erlebte Erfolg motiviert. Oft ist es anfangs gar nicht zu bremsen mit seiner neu gewonnenen Fähigkeit zum erfolgreichen Lernen. Es beginnt wieder gern in die Schule zu gehen, es fühlt sich dem Versagen nicht mehr so hilflos ausgesetzt.
Natürlich macht die Tablette allein nur wenig, aber das Kind spürt jetzt erstmalig, was ich gelernt habe, das kann ich auch. So äußern es die Kinder immer wieder und die Noten bestätigen es ihnen.
Die Stimulanzientherapie beim ADS-Kind ist kein Mittel gegen Rechtschreib- oder Rechenschwäche, aber die Kinder können dadurch all ihre Fähigkeiten für den Lernprozess wirkungsvoll einsetzten. Ihnen steht das zur Verfügung, was ohne Medikament nicht genutzt werden konnte. Mittels Übungs- und Trainingsprogrammen kann das Kind jetzt seine Defizite beseitigen und ein positives Selbstwertgefühl aufbauen.
Erst jetzt ist das Kind durch ein tägliches Schreibtraining in der Lage, beim Schreiben nachzudenken.
Eine gut geführte Therapie verbessert nicht nur die oft beträchtliche aktuelle Symptomatik, sondern verhindert auch Spätschäden, deren Behandlung um ein vielfaches teurer ist und manchmal sogar nicht mehr erfolgreich behandelt werden können.






ADS und Hochbegabung – Isolation und Spagat auf dem Hochseil

Erleben der Doppelproblematik aus persönlicher Sicht

"Freu dich doch - ist doch wunderbar!" meine Freundin verstand meine Bauchschmerzen nicht, mit der ich ihr von der Diagnose "Hochbegabung" für unseren ADHS-betroffenen Sohn berichtete. "Ein Kind mit hoher Intelligenz könne das ADHS doch viel besser kompensieren." Auch sei das Thema Hochbegabung derzeit besonders in der Diskussion und es würden einige Förderkonzepte verwirklicht.

Ich dachte an die vielen Schwierigkeiten, denen wir uns täglich neu stellen mussten. Von Kompensation konnte keine Rede sein.

Wir freuen uns über die Begabung unseres Sohnes. Es wäre unnatürlich, wenn dem nicht so wäre; aber die Freude ist durchaus durchwachsen mit einem gewissen Unbehagen, einer unbestimmten Ahnung, dass die Kombination von ADHS mit einer hohen Begabung keinesfalls einen Grund zum uneingeschränkten Jubeln darstellt.

Die Auseinandersetzung mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung gehört zu unserem Leben, ist einfach Teil unseres Familien-Daseins. Von Anfang an verfolgten wir die wissenschaftliche Diskussion und beobachteten, mit welcher Dynamik dieses Gebiet in Bewegung war und ständig neue Entwicklungen und Erkenntnisse hervorbrachte, spürten wir doch, dass die ADHS-Welt sich trotz des Fortschrittes noch eher am unteren Ende der Fahnenstange bewegte.

Nun kam also die Auseinandersetzung mit der Hochbegabung hinzu. Aus heiterem Himmel, ohne Vorahnung, ohne Vorbereitung. Auseinandersetzung mit Hochbegabung hieß erst mal Informationen sammeln, aber auch wieder Einsteigen in die quälende Frage, was haben wir übersehen, was haben wir falsch gemacht. Hätten wir das nicht früher merken müssen?

Vielleicht – ich weiß es nicht, aber anstatt einer Kompensation der ADHS-Symptomatik durch Intelligenz erlebten wir ja eher das Gegenteil. Das ADHS in der stilleren, unauffälligeren und introvertierten Variante stand zu sehr im Vordergrund. Oftmals beobachtete ich mein Kind still mit dem traurigen Gefühl, er kann nicht in seinem eigenen Potential leben, ohne dabei je an eine besondere Begabung gedacht zu haben. Ich sammelte nur die "stillen und heimlichen Freuden", die seltenen Momente, in denen ich fernab von allen Schulnoten- und jeder "mein Kind kann aber schon"-Diskussionen einfach Freude über eine ungewöhnliche und überraschende Aussage oder Erkenntnis empfand.

Die Lebensqualität, die unser Sohn bereits durch die medikamentöse ADHS-Behandlung erlangte, erlebten wir als Wunder. Trotz der vielfältigen weiterhin bestehenden Schwierigkeiten erlebte ich jeden Tag voller Dankbarkeit, wie unser Sohn auflebte, vieles einfach auch leichter wurde, sich die Beziehung zu uns änderte und auch er selbst merkte langfristig die Steigerung der Lebensqualität und drückte dies selbst in dem Wunsch, "wären wir doch nur früher zum Arzt gegangen" aus.

Einerseits erlebten wir also eine allgemeine Steigerung der Lebensqualität für Kind und Familie, andererseits konkretisierten sich einzelne Problematiken, insbesondere Schulschwierigkeiten, Schreibangst und auch die Schwierigkeiten in der sozialen Anpassung wurde deutlicher und fassbarer.

Nicht immer steht das ADHS so sehr im Vordergrund, wie wir es erlebt haben. Je nach Ausprägung und Erscheinungsbild der jeweiligen Disposition kann die Hochbegabung durchaus auch einen ADHS Hintergrund zunächst einmal überdecken, manchmal bis zum Abitur oder sogar darüber hinaus.

Erlebt sich der ADHS-Betroffene aufgrund der Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung beständig in einer Diskrepanz, so führt eine permanente Unterforderung oder die enge Begrenzung des gesteigerten Wissensdrangs bei Hochbegabten zu einer sehr ähnlichen Diskrepanzerfahrung oftmals mit vergleichbaren Reaktionen. Es erscheint also gar nicht so unwahrscheinlich, dass diese so ähnlichen Diskrepanzerscheinungen interferieren. Ebenso scheint es Bedingungen zu geben, in den eine gute Kompensation der ADSH-Symptomatik mit hoher Intelligenz gelingt.
Enge Begrenzung des gesteigerten Wissensdrangs finden "normgesteuerte" hochbegabte Kinder vor allem in natürlichen Grenzen: Experimente scheitern oft schon an der Handhabung von Gerätschaften, die zu schwer oder zu groß sein können oder einfach nicht für "Kleine" erlaubt sind. Hier kann unterstützt werden durch eine hilfreiche dritte Hand, technischen Hilfsmittel, Zugang zu Materialien, Bibliotheken und ähnliches.

Wie aber die Begrenzung im Wissensdrang überhaupt erkennen, wenn diese vornehmlich "im Kopf" des Betroffenen stattfindet? Wie komplizierte Fragen beantworten, wenn die Erfassung von geschriebenen Texten schwer fällt? Wie sorgfältig Zusammenhänge herleiten, wenn der Gedankenzug bereits voll auf einer anderen Schiene abgefahren ist und die Bremse nicht greift. Wie Zeit finden, um all diesen wichtigen und interessanten Fragen nachzugehen, wenn der normale Tagesablauf schon geprägt ist von Langsamkeit und einem immensen Zeitaufwand für Hausaufgaben oder Alltägliches wie Zähne putzen und Schultasche packen?

Die Erziehung eines hochbegabten ADHS-Kindes gleicht dem Spagat auf einem Hochseil – große Freiräume einräumen, geschickt Lenken und Begleiten und dabei gleichzeitig enge Strukturen erstellen, einen festen Rahmen geben, klare Regeln aufstellen und unter Umständen auch enge Grenzen ziehen.

Mit Experimentierfreude und Fantasie die "Kopfgrenzen" überwinden, ungewöhnliche Lernmethode gegen sämtliche Empfehlungen durchhalten, mit viel Zeit und Kraft eigene Lernmaterialien erstellen und quasi selbst als Medium dienen, die Fülle im Kopf zu sortieren, immer wieder ermutigen, begleiten und kanalisieren.

Die fehlende Konstanz nicht als Mangel dem Kind immer wieder vor Augen zu führen, sondern sie durch Hilfsmittel ersetzen, soweit es sinnvoll erscheint. Und dem Kind zu ermöglichen, seine Defizite zu erforschen, damit umgehen zu lernen, sie zu verstehen und gerade mit den Defiziten und Begabungen sein Potential voll zu entfalten und zu einer Persönlichkeit heranzureifen.

Der Weg zu diesen Erkenntnissen war recht mühsam. Widersprachen unsere Erfahrungen doch all den Beschreibungen hochbegabter Kinder in der Literatur. Wir sahen keinerlei Überfliegerleistungen oder besondere herausragende Leistungen. Auch orientierte unser Kind sich nicht an älteren Kindern, eher noch an viel jüngeren und ebenso entwickelte er auch keine auffallenden besonderen Interessen. Nur in ganz wenigen Literaturstellen fanden wir passende Hinweise.

Obwohl ich mich irgendwie weigerte, diese "Diagnose" nun, nachdem ich die ADHS-Diagnose gut verdaut hatte, auch noch zu akzeptieren, erfüllte ich "meine Pflicht" und erlebte staunend, wie eine bessere Antwortqualität große Veränderungen und Erleichterungen im gesamten Familiengefüge bewirkten. Zwar fühlte ich mich ausgesogen, wie ein Schwamm. Innerhalb von wenigen Wochen kramte ich alles hervor, was ich noch irgendwie an Wissen in mir gespeichert hatte. Anstelle von "das ist etwas aus der Physik" beschrieb ich emotionslos und zunächst mit der Überzeugung, das ist mit Sicherheit nicht kindgerecht, das Bohrsche Atommodell um die Kα-Strahlung zu erklären, auf die er durch reinen Zufall gestoßen war. Ein anderes mal suchte ich herauszufinden, wie denn Insekten atmen. Auch wenn die Antworten nicht so verstanden werden, wie wir das im Sinne der Lehrfächer Physik oder Biologie erwarten würden, so nutzt unser Sohn sie oftmals im übertragenen Sinn um Antworten auf andere Fragen aus ganz anderen Bereichen zu diskutieren. ein kleiner Block ist inzwischen unerlässliches Hilfsmittel, um im Bedarfsfall erst mal ein Frage festhalten zu können und dieser dann in aller Ruhe zusammen mit meinem Sohn nachzugehen. Die "Fragen" sind zu einem Gradmesser seiner Befindlichkeit geworden – stellt er Fragen, ist alles im Grünen Bereich, kommen über einen längeren Zeitraum jedoch keine Fragen, dann hakt es irgendwo, zumeist in der Schule oder im sozialen Kontakt.

Bei den vielen Fragen und Schwierigkeiten suchten wir nach qualifizierter Beratung und Unterstützung. In den meisten Beratungssituationen wurde uns jedoch zumindest Misstrauen gegenüber der Seriosität der ADHS-Diagnose entgegen gebracht. "Hochbegabt? .... dann hat Ihr Kind bestimmt kein ADS!" hörten wir nicht nur einmal. Wieder einmal mehr trat anstelle der Beratung zu konkreten Schwierigkeiten und Entscheidungsfragen die Ritalindiskussion. Und wenn wir doch auf Offenheit gegenüber der Doppelproblematik stießen, trafen wir auf eine gewisse Hilflosigkeit. Dass wir uns dennoch mit unserem Sohn auf einem guten Weg befinden, verdanken wir der unvoreingenommenen Offenheit und der stetig ermutigenden Unterstützung unseres Arztes und dem Glücksfall "Lehrkraft", die mit besonderen pädagogischen Fähigkeiten und Aufgeschlossenheit gegenüber der Doppelproblematik innerhalb nur eines Schuljahres die Folgen der Versäumnisse der ersten Schuljahre erfolgreich abbaute und damit einen rasanten Entwicklungsschub provozierte.

ADHS und Hochbegabung heißt, nirgendwo so richtig dazu zu gehören. Die jeweiligen Gruppen scheinen keinerlei Berührungspunkte zu haben und das zufällige Zusammentreffen beider Dispositionen wird als Ausnahme wahrgenommen. Zwei derart unterschiedliche Dispositionen, eine neurobiologische Anomalie auf der einen Seite und eine besondere Gehirnleistung auf der anderen Seite können sehr ähnliche Symptome hervorrufen, so ähnliche, dass es einer aufwändigen Diagnostik bedarf, beide Phänomene zu unterscheiden. Das fordert doch gerade zu nach einer vergleichenden und übergreifenden Betrachtungsweise. Können Hochbegabte und ADHS-Betroffene voneinander lernen? Wo bestehen Überlappungen? Können möglicherweise prinzipielle Unterschiede ausgemacht werden, die als Indizien für eine leichtere Abgrenzung dienen würden? Können Erkenntnisse aus der Hochbegabtenförderung auf ADHS Kinder übertragen werden? Können hochbegabte ADHS-Kinder von den Hochbegabten-Schulformen profitieren? Oder sind nicht sogar projektorientierte Unterrichtsformen förderlich sowohl für Hochbegabte, als auch für ADHS-Betroffene? Gibt es gar Gemeinsamkeiten in den Forderungen zur Verbesserung der Schulischen Strukturen? In welcher Weise wirkt sich die jeweilige Problematik beim hochbegabten ADSler oder beim aufmerksamkeitsdefizit-gestörten Hochbegabten aus? Steht hier die Forderung nach "Hochbegabtenförderung" im Fokus oder nimmt die Frage der "ADHS-Therapie" die zentrale Stelle ein?

Ob mit oder ohne Hochbegabung, ADHS bedeutet immer eine tägliche besondere Herausforderung bei der Bewältigung des Alltags. Ob hochbegabt oder ADHS, ob Neid und Misstrauen oder Vorverurteilung der elterlichen Erziehung – beides allein bedeutet schon Ausgrenzung und häufige Verletzungen. Mit dem Selbstverständnis von Selbsthilfe und Fördergedanken sollte es gelingen, tolerant und respektierend miteinander umzugehen und auch "Sonderfälle" zu integrieren, um nicht durch doppelte Ausgrenzung noch weitere Verletzungen hinzuzufügen und die Isolation zu verstärken.




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