ADS Rheine




ADS im Erwachsenenalter

 

Wie äußert sich ADS?

 

Von ADS betroffene Menschen haben viel mit den Charakteren gemeinsam, die der Nervenarzt Heinrich Hofmann für seinen dreijährigen Sohn schuf und 1859 in der Figur des Struwwelpeters beschrieb. Hofmann umgab Struwwelpeter mit Kindern, die viele Symptome zeigten, die wir heute bei der Beschreibung des Störungsbildes finden:

 

- Da ist der Struwwelpeter, abweisend, anders als die anderen schon im Auftreten;

- Friederich, ... das war ein arger Wüterich... , impulsiv, böse, sadistisch;

- Paulinchen, neugierig, unvernünftig, selbstvergessen...:
„Da sah sie plötzlich vor sich stehn
Ein Feuerzeug, nett anzusehn.
„Ei“, sprach sie, „ei, wie schön und fein!
Das muss ein trefflich Spielzeug sein.
Ich zünde mir ein Hölzchen an,
Wie´s oft die Mutter hat getan.“

- Kaspar und Wilhelm, dissozial, feindselig, aggressiv lachen sie „ärgern als zuvor über den armen schwarzen Mohr.“

- Der wilde Jägersmann, aufmerksamkeitsgestört, legt sich ins hohe Gras und weil er unaufmerksam ist, kommt der Hase „und nahm die Flint und auch die Brill`, und schlich davon ganz leis` und still`. Der Jäger merkt nichts.

- Und Konrad, der Daumenlutscher? Allein zu Hause fehlt ihm die Aufgabe. Unfähig
sich zu beschäftigen, lutscht er „Wupp! Den Daumen in den Mund“, um sich zu stimulieren, zu fühlen, abgelenkt zu sein.

- „Ich esse keine Suppe! Nein!“
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess´ ich nicht.“

Essgestört und letztendlich tot ist er, Kasper, der interessanterweise auf allen Illustrationen herumhüpft, vielleicht auch hyperaktiv ist und einer der wenigen essgestörten männlichen Jugendlichen, die es zu Hofmanns Zeit gab.

- Hanns-Guck-in-die-Luft, stets mit dem Blick im Himmel, nach allem schauend, was da steht, geht und sich bewegt, abgelenkt und irritiert durch immer neue Abwechslungen, der Inbegriff des aufmerksamkeitsgestörten, verträumten Typen.

- Und Robert? Der fliegende Robert? Während alle bei Regen und Sturm hübsch

Daheim in den Stuben bleiben, denkt er, draußen müsse es herrlich sein. Wind und Regenschirm tragen ihn fort. „Wo der Wind sie hingetragen, Ja! Das weiß kein Mensch zu sagen.“ Er sucht den Nervenkitzel, ist der Adrenalinjunkie.

- Und Philipp, der Zappelphilipp, der der Störung den Namen gegeben hat, gauckelt und schaukelt, trappelt und zappelt, ist hyperaktiv.

 

 

Mit dieser umfassenden Beschreibung der Ausprägungen des Krankheitsbildes zeigt Hofmann bereits, dass sich hinter dem Begriff ADS kein einheitliches Krankheitsbild versteckt, sondern ein sehr vielfältig verflochtenes, durch große Veränderlichkeit gekennzeichnetes, das nicht einfach zu erfassen ist. Dass die Klassifikation im Erwachsenenalter nicht einfacher wird, sehen wir, wenn wir schauen, was Philipp mit zunehmendem Alter für Verhaltensweisen zeigt:

 

Fahrig, zerstreut, unkonzentriert, ungeduldig, hektisch, chaotisch, unorganisiert, nicht zu stoppen, dazwischenreden, schusselig, trödeln, nichts durchziehen, nicht dranbleiben, streitlustig, explosiv, Faden verlieren, Inhalte nicht merken, nichts erledigen, Berge vor sich herschieben, reizbar, frustriert, launisch, Stimmungsschwankungen, Tagträumer, geistig abwesend, schnell zu begeistern, kein Durchhaltevermögen, überempfindlich, Fettnäpfchentreter, unvernünftig.

 

 

Diese Vielfalt der Symptome und ihre Ausprägung, können zu vielgestaltigen, oft schwierigen Lebensläufen führen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

 

Drei Fallbeispiele:

 

Schauen wir uns Marion L., Herbert W. und Jochen D. einmal an. Sie haben alle ADS.

 

Fallbeispiel Marion L.

 

„Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben schon einmal wirklich glücklich war. Traurigkeit nagt an mir, solange ich denken kann. Habe ich nicht daran gedacht, gab es Momente, von denen man sagen könnte, es waren glückliche. Sobald ich beginne nachzudenken, sind die Gedanken aber wieder da. Und mit ihnen das schlechte Gefühl, das ich so hasse. Nein, ich habe nie versucht, mir etwas anzutun. Irgendwie ist es auch keine Verzweiflung, die mich quält, ich habe nur kein gutes Gefühl, was mich betrifft, was mein Leben betrifft und was die Zukunft angeht. Alles ist immer Kampf gewesen. Bisher habe ich gedacht, das muss so sein: Leben ist einfach so. Eine lange Folge von Enttäuschungen, Kampf, Quälerei und dazwischen ein paar Lichtblicke.“

 

  Marion L., 38 Jahre alt im Sommer 2004

 

„Marion ist in jeder Hinsicht liebenswert. Äußerst gutaussehend, liebevoll mir und den beiden Töchtern gegenüber. Sie ist sagenhaft ehrgeizig und fleißig. Marion möchte, dass alles immer topp in Ordnung ist, sie bemüht sich und oftmals gelingt es ihr auch, aber häufig mit schier unmenschlicher Anstrengung. Kaum einmal kann sie jemandem einen Wunsch abschlagen. Keine Bitte, der sie nicht nachkommt. Weder in der Familie, noch im Freundeskreis. Dabei kommt sie immer zu kurz,. Außerdem legt sie enorm hohe Maßstäbe an sich selber an. Hinsichtlich Ordnung, Sauberkeit, Gerechtigkeit etc. Sie akzeptiert sich nicht, wie sie ist. Ihre äußere Erscheinung, Ihre Figur. Obwohl sie allen Grund hätte, auf sich stolz zu sein. Marion ist seelisch wenig belastbar, in kleinen wie in großen Dingen. Ihr mangelst es in hohem Maße an Selbstbewusstsein und Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Sie hat Riesenprobleme damit, Entscheidungen überhaupt zu treffen. Wenn sie dann endlich einen Entschluss gefasst hat, steht sie nicht hinter ihm, hat Skrupel, Selbstzweifel, Sorgen ob es richtig war, so zu entscheiden. Sie ist kaum in der Lage, richtig zu entspannen, geschweige denn ein paar Stunden unbeschwert und sorglos zu verbringen.

Und dennoch ist sie eine tolle Frau und Mutter!

 

 Peter L., 42 Jahre, Ehemann von Marion

 

Marion L. hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, die nicht nur Lernen und Verhalten in der Kindheit behinderte. Sie beeinträchtigte in hohem Maße auch die Funktionsfähigkeit in wesentlichen Bereichen des gesamten späteren Lebens. Forschung und klinische Erfahrung zeigen, dass ADS-Probleme zu erheblichen Schwierigkeiten in der Ausbildung, im Beruf, in der Familie führen und so eine entscheidende Rolle bei einer großen Zahl gesundheitlicher sozialer und ökonomischer Folgeprobleme spielen. Es zeigt sich aber auch, dass besondere Kompetenzen mit einer solchen Störung verbunden sein können. Nach vielen Fehldiagnosen, fehlgeschlagener Psychotherapie und medikamentöser Behandlung war Marion L. im Internet auf „ihre“ Diagnose gestoßen.

 

 

Fallbeispiel: Herbert W.

 

Herbert W., heute 25 Jahre alt, sei – so berichtet seine Mutter – während der Schwangerschaft schon sehr unruhig gewesen, habe mehr getreten und sich „gerührt“. Und er habe sehr schnell gute motorische Fähigkeiten gehabt, gegriffen, gelaufen. Und so wenig geschlafen! Da sei es kaum möglich gewesen, einen geregelten Ablauf beim Schlafen und Essen zu bekommen. Im Kindergarten war er dann unruhig, ausweichend vor sitzenden Tätigkeiten wie basteln etc. Er sei zwar gerne in den Kindergarten gegangen, aber oft weggelaufen. Sie hätten ihn dann auf Kinderspielplätzen oder zu Hause wiedergefunden. Er kannte überhaupt keine Angst, stieg über Zäune, fiel von Bäumen, brach sich die Beine und stieg noch mit Gipsbein über Mauern.

Die ausgeprägte motorische Unruhe und zunehmende Konzentrationsschwäche führten dazu, dass Herbert nach der Einschulung gleich wieder in den Schulkindergarten kam. Erneute Einschulung gut ein Jahr später. Wieder unruhig, unkonzentriert, Schwächen in der Feinmotorik. Die Raumaufteilung bei den Hausaufgaben gelingt nicht, Begrenzungen werden nicht eingehalten, Ränder immer wieder übermalt, überschrieben. Ständig habe er Druck haben müssen, um Hausaufgaben etc. zu erledigen. Die Sonderschule sei angedacht gewesen, der verdacht auf Legasthenie habe bestanden. Eine Vorstellung bei der Erziehungsberatungsstelle blieb ohne Erfolg, aber es wurde eine überdurchschnittliche intellektuelle Begabung festgestellt. Der weitere Schulverlauf stand unter der Überschrift: „Herbert könnte viel mehr, wenn er nur wollte!“

Als er den Führerschein machte, habe er ständige Schwierigkeiten gehabt die notwendige Aufmerksamkeit und Konzentration aufzubringen, um das theoretische Wissen zu pauken. So sei es bis heute. Er brauche ständige Unterstützung, um am Ball zu bleiben. Auch jetzt, im 3. Lehrjahr als KfZ-Mechaniker habe es Schwierigkeiten gegeben. Er habe die Lehrstelle gewechselt, habe Motivationsprobleme gehabt und sich gemobbt gefühlt. Mittlerweile drohe eine Kündigung im zweiten Lehrbetrieb, da Herbert W. die „Arbeit nicht sehe“ und durch sein ungeschicktes Verhalten die Mitarbeiter gefährde.

Zusammengefasst klagen Herbert W. und seine Eltern über große Schwierigkeiten beim Behalten einzelner Abläufe, auch dann, wenn sie wiederholt werden:

 


  • Schwierigkeiten, hinreichende Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten;
  • Nur dann länger lesen zu können, wenn die eigene Motivation extrem hoch sei oder das Buch ebenso interessant;
  • Erhebliche Schwächen beim Planen und Organisieren;
  • Motorisches Ungeschick;
  • Große Selbstzweifel, Selbstunsicherheit und Verunsicherung, da das, was mit Herbert W. geschieht und geschehen ist, weder ihm, seinen Eltern und auch nicht den behandelnden Ärzten nachvollziehbar und erklärlich schein.


 

Herbert W. selbst ist aufgefallen, dass unter hohem Kaffee- und Cola-Konsum „Ruhe einkehre“ und er sich besser und auch länger konzentrieren könne.

 

 

Fallbeispiel: Jochen D.

 

Jochen D., der mittlerweile 40 Jahre alt ist, berichtet über sein mangelndes Selbstwertgefühl aufgrund negativer Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich, wie er sagt. Er sei schüchtern, in fast allen Bereichen. Beruf, Haushalt, Hobby. Er mache viele Fehler und höre zu oft, dass er dumm sei. Er sei unkonzentriert, nicht bei der Sache, fange vieles gleichzeitig an, bringe nichts ordentlich zu Ende, habe ständig viele Baustellen, sei ungeduldig, wolle die Aufgabe erledigen, mache dann Flüchtigkeitsfehler. Da er so schüchtern sei, habe er erhebliche Probleme auf andere Menschen zuzugehen. Bekäme er dann Kontakt, hätte er sofort die Sorge, alles könne zu eng werden, befürchte aber auch den Verlust. Könne nicht länger zuhören, klinke sich aus, alles gehe dann an ihm vorbei. Er rede zuviel. Sei sehr aggressiv, besonders, wenn er sich provoziert fühle, was oft vorkomme. Sei sehr impulsiv, was bereits zu Konflikten mit der Justiz geführt habe. Seine Arbeitsleistung schwanke stark, sei abhängig von seinem Interesse. Er spüre ständig eine starke Unruhe, sei sehr aktiv, kratze sich, zupfe an den Fingern, beiße Nägel, streiche sich über die Haare; wenn er sitze, rutsche er auf dem Stuhl hin- und her, scharre mit den Füßen.

Werden seine Erwartungen nicht umgehend erfüllt, ist er frustriert, oft traurig und niedergedrückt. Diese Gefühle wechseln aber sehr rasch. Am schlimmsten für ihn sei die Tatsache, dass er so schnell in Wut gerate und den Wutausbruch, der bis zu Handgreiflichkeiten gehe, dann nicht stoppen könne.

 

Jochens Eltern erzählen, “als der Weihnachtsmann kommt, hat Jochen (1Jahr alt) keine Angst. Ist nur ganz aufgeregt. Er singt viel, lernt die Texte sehr rasch. Er spricht früh ganze Gedichte. Bald besitzt er einen umfangreichen Vorrat an Liedern und Gedichten, da er alles nach einmaligem Lesen oder Hören behält. Er spricht früh ganze Gedichte. Bald besitzt er einen umfangreichen Vorrat an Liedern und Gedichten, da er alles nach einmaligem Lesen oder Hören behält. Der Umgang mit ihm ist nicht einfach. Bereits mit einem Jahr hat er einen ausgeprägten Dickkopf, der weder mit Güte noch mit Schimpfen auszutreiben ist. Dickkopf und Starrsinn nehmen zu. Er wirft sich zu Boden, trampelt, schreit und zieht nur ein Paar Schuhe an („Schwarzschuhchen“), geht in kein Geschäft mit hinein. Im Umgang mit anderen Kindern spielt er sich in den Vordergrund und ist dabei „nicht genießbar“. Abends schläft er schnell ein, ist aber morgens oft schon gegen 4:00 bis 5:00 Uhr wieder wach und aktiv...“

Auszüge aus den Zeugnissen belegen, dass diese Entwicklung sich fortsetzt: „Juli ´85:Jochen hat ein umfängliches Wissen. Aufgaben löst er dann sehr gerne, wenn sie seinen persönlichen Vorlieben und Interessen entsprechen. Aufgabenbereichte, die dem nicht entsprechen, geht er lustlos, später gar nicht mehr an. Jochen muss noch lernen, seine Fähigkeiten im Unterricht zu verwirklichen.“ 1 Jahr später: „Jochens Interesse und Mitarbeit im Unterricht haben sehr stark nachgelassen. Seine Leistungen in Mathematik sind nur noch ungenügend...“.

Dennoch gelingt es Jochen, der bereits in der Schule durch eigenbrötlerisches Sozialverhalten und Aggression gegenüber Mitschülern und innerhalb der Familie auffällt, durch viel Verständnis und Unterstützung von Mitschülern und Lehrern, sich besser einzuordnen, den erweiterten Abschluss an der Realschule zu erreichen. Es folgen zwei Berufsausbildungen, die beide abgeschlossen werden, immer wieder gekennzeichnet und erschwert durch Unruhe und Konzentrationsmängel im Umgang mit anderen Menschen und bei Gesprächen. Er neigt zunehmend dazu, schnell ungeduldig zu werden und lässt sich von anderen Menschen sehr leicht provozieren. Vor allem dann, wenn es diese Menschen bewusst auf eine Auseinandersetzung anlegen. Die dann bei Jochen teils unkontrolliert auftretende Aggression hat ihn mehrfach in große Schwierigkeiten gebracht und so ist es nicht verwunderlich, dass ein schwebendes Verfahren wegen Nötigung im Straßenverkehr ihn in die Behandlung führt.

 

 

Impulsivität, Gefühlsschwankungen, mangelnde Affektkontrolle und weitere Symptome

 

Die Störung gibt es bevorzugt bei Mädchen und Frauen als ADS, also ohne Hyperaktivität (Tagträumerin, Träumsuse) und als ADHS, also mit Hyperaktivität, besonders bei Jungen und Männern. Betroffene fallen bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten durch inadäquate Aufmerksamkeit oder Unaufmerksamkeit auf. Es fällt ihnen schwer, ihre Konzentration für längere Zeit auf eine geforderte Aufgabe zu richten. Sie haben Probleme Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, was dazu führt, dass sie oft nur schwer Mimik, Gestik und Körpersprache anderer Menschen verstehen können. Sie haben große Schwierigkeiten beim Zuhören, „klinken sich aus“, sind desorganisiert, leicht ablenkbar durch äußere Reize, vergesslich im Alltag und verlegen oder verlieren häufig Gegenstände. Ausgeprägte motorische Unruhe finden wir vor allem bei Jungen. Diese Hyperaktivität macht sich auch mit zunehmendem Alter durch ständige Unruhe in Händen und Füßen, in der Unfähigkeit ruhig zu sitzen und in übermäßigen körperlichen Aktivitäten oder dem starken Verlangen danach (z.B. exzessiver Sport) bemerkbar. Es wird häufig potenziell gefährlichen Sportarten wie Fallschirmspringen oder Autorennen nachgegangen, um einen „Nervenkitzel“ zu erreichen.

 

Im Erwachsenenalter kann sich diese motorische Unruhe durch innere Unruhe bemerkbar machen. Manchmal trippeln die Betroffenen beim Sitzen mit den Füßen auf dem Boden. Viele neigen dazu, übermäßig viel und laut zu reden, was nicht selten dazu führt, dass sie als „Nervensäge“ erlebt werden.

 

Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass es sich bei ADS um eine Diagnose handelt, deren Übergänge zwischen dem, was normal ist und dem was als auffällig zu gelten hat, fließend sind. So schwankt z.B. der normale Bewegungsdrang von Kindern individuell und altersbedingt stark. Und auch Erwachsene haben unterschiedliche Bedürfnisse, wenn es um Bewegung geht.

 

Impulsivität wird oftmals in unüberlegten Handlungen deutlich, bis hin zu Selbst- oder Fremdgefährdung. Z.B. in Ungeduld, impulsiv ablaufenden Einkäufen, schnell gefassten, unüberlegten Entschlüssen und störendem Verhalten anderen Menschen gegenüber. Es wird dazwischen geredet, andere werden im Gespräch unterbrochen. Menschen mit ADHS sind häufig schnell gestresst. Sie können mit negativen Gefühlen wie Wut und Ärger ebenso schlecht umgehen wie mit Kritik. Es kommt zu ausgeprägten Gefühlsschwankungen. Die Stimmung ist gekennzeichnet durch einen Wechsel zwischen normaler und niedergeschlagener Stimmung oder Erregungszuständen. Diese Stimmungslagen werden von den Betroffenen oft als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben. Die Stimmungen dauern gewöhnlich nur Stunden bis einige Tage. Auch sind solche Menschen häufig schnell gereizt. Schon aus geringen Anlässen gibt es Wutausbrüche und Streitigkeiten, die nur von kurzer Dauer sind. Diese mangelnde Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu den Mitmenschen aus und isoliert die Betroffenen häufig, was sie zunehmend verunsichert.

 

Obwohl ADS eine Erkrankung ist, die erhebliche medizinische und soziale Bedeutung hat, ist bisher nur wenig über ihr Fortbestehen bis ins Erwachsenenalter bekannt. Unbehandelt kommt es zu einer Fülle von so genannten komorbiden Erkrankungen: Eigenständigen Krankheits- oder Störungsbildern, die zusammen mit der Grunderkrankung – ADS – auftreten. Die Wahrscheinlichkeit, zusätzliche psychische oder psychosomatische Störungen zu entwickeln ist beim Vorliegen von ADS wesentlich erhöht. So finden sich im Kindesalter Störungen der sensorischen Integration, gestörte Grob- und Feinmotorik, Teilleistungsstörungen des Sehens und Hörens, Einnässen, oppositionelles Verhalten, Tic-Erkrankungen etc. Andere mögliche Konsequenzen einer ADS-Erkrankung, die sich erst im späteren Lebensalter zeigen, sind schlechtere Schulnoten und –abschlüsse und damit schlechtere Berufsaussichten. Menschen mit ADS sind häufiger sozial auffällig, neben mehr Fehlzeiten am Arbeitsplatz findet sich eine erhöhte Straffälligkeit, sie berichten über mehr Partnerschaftskonflikte und Scheidungen und sind öfter suchtkrank. Auch die im Erwachsenenalter im Vordergrund stehenden zusätzlichen Krankheitsbilder wie Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Depressionen, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit und dissoziales Verhalten, finden sich oft schon in der Jugend und beim Heranwachsenden (vgl. auch Kapitel 5). Diese Auffälligkeiten sind es dann letztendlich, die ADS-Betroffene häufig veranlassen, sich in eine Behandlung zu begeben.

 

 

 

Frauen und Männer: Gibt es hier Unterschiede bei ADS?

 

Frauen und ADS

 

Immer wieder wird berichtet, dass Frauen deutlich weniger von der Störung betroffen sind als Männer. Vielleicht käme auf jeden 8./9. Mann eine betroffene Frau. Der Eindruck in den Statistiken täuscht. Die Tendenz scheint eher 1:1 zu sein. Während bei Jungen und Männern der Verlauf und die Erscheinungsformen von ADS gut untersucht sind, besteht bei Mädchen und Frauen Klärungsbedarf. Sicher ist, dass beim weiblichen Geschlecht die Störung in einer großen Zahl der Fälle deutlich anders verläuft als beim männlichen. Während Jungen und Männer hauptsächlich den hyperaktiven-impulsiven ADHS-Typ aufweisen, sind Frauen häufiger vom unaufmerksamen ADS-Typ betroffen: Chaosprinzessin, Träumerchen und Löwenmutter, dazwischen und auch darum bewegt sich ihre Welt. In der Umgebung wächst zunehmend die Verzweiflung, der Glaube daran, dass vieles böser Wille ist, der Zorn darüber, dass nichts fruchtet und die Gewissheit, dass Hopfen und Malz verloren sind. Das wird dem ADS-Kind, der heranwachsenden jungen Frau und auch der erwachsenen Frau so oft vermittelt und gespiegelt, dass sie es am Ende selber glaubt; es auch glauben muss, macht sie doch die Erfahrung, dass sie mit ihrer Art zu leben immer wieder aneckt. Der Eindruck, dass andere besser durchs Leben kommen, weniger Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen haben und einfach alles begreifen, tritt immer mehr in den Vordergrund. „Ich bin ein Nichts“ wird zur fixen Vorstellung. Das, was Träumerchen auf diese Art und Weise im Laufe ihrer Lerngeschichte erlebt, hat Bestand für die weiteren Lebensjahre. Nun wird nicht selten aus einem schwierigen und Schwierigkeiten bereitenden Kind ein Kind mit klinisch-psychiatrischen Symptomen. Die Motivation leidet und die emotionale Instabilität wächst.

 

Später erfordert das Leben Regeln und Strategien, um beruflich zurechtzukommen, zu arbeiten und den Arbeitsplatz auch zu behalten. Die Partnerschaft will und soll befriedigend geführt werden, aber dafür gibt es keine Strategien. Häufig tauchen dann „falsche Freunde“ auf, die Selbstheilungsversuche mit Alkohol oder Drogen unterstützen. Am Ende steht eine Außendarstellung, die gekennzeichnet ist durch ein hohes Anspruchsniveau an sich selbst. Die Umgebung erlebt das aber anders: Als Arroganz. Immer wird aber auch ein Stärkerer gebraucht. Der Wunsch nach Rückmeldung ist ständig vorhanden und riesengroß. Und so wünscht sich die Chaosprinzessin Perfektion, Anerkennung, Liebe und Sicherheit. Aber eben von allem maßlos. Da sie allen helfen kann, nur sich nicht, fühlt sie sich nur wohl, wenn sie gebraucht wird. Ansonsten herrschen Unsicherheit, Anspannung, Verstimmung, körperliche Beschwerden vor.

 

Mit diesen Verhaltensmustern ist auch eine Partnerschaft schwierig. Während die Kontaktaufnahme häufig gut gelingt, ist es schwer, Kontakte länger zu halten. Die Emotionen gehen anfangs hoch. Wird sie dann nicht mehr gegehrt, wird lästig, so ist es ihre Schuld. Denn ist sie nicht hässlich? Kann sie überhaupt jemand ausstehen? Die Welt ist abgrundtief schlecht. Ständiges Schwarz-Weiß-Denken und die Folgen gefährden jede Beziehung. Die leichte Beeinflussbarkeit führt zu vorschnellen Zusagen, wollen andere dann, dass etwas geschieht, geschieht eben nichts. Will sie etwas, muss es jetzt und gleich sein! Auch die Sexualität leidet unter dem abrupten Auf und Ab der Gefühle. Nie genügt der Partner allen Bedürfnissen und Nähe gelingt nur dann, wenn die Chaosprinzessin darauf eingestellt ist. Und dann wird alles auch noch schnell langweilig...

 

Die Wechselhaftigkeit im Verhalten von ADS-Frauen fällt immer wieder auf. So erscheinen sie auch im fortgeschrittenen Alter manchmal als ewige Teenager. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, beschreiben viele als ihre „normale Seelenlage“. Frauen mit ADS sehen die Welt ständig durch ein Weitwinkelobjektiv. Alle Gefühle werden intensiv und heftig wahrgenommen. Sie leben stark im „Hier und Jetzt“, ihre Empfindungen durchleben sie ungefiltert und mit allen Sinnen. Frauen mit ADS können in unserer oft männlich geprägten Berufswelt faszinierend und belebend wirken. Da sie nicht selten über eine hervorragende soziale Kompetenz verfügen, können sie auf die Unterstützung und Nachsicht ihrer Mitmenschen setzen. Mit dem ihnen eigenen unmittelbaren Verständnis und ihrer besonderen Feinfühligkeit, können sie vielen Menschen helfen. Ihre Begeisterungsfähigkeit, Kreativität und Idealismus lassen ihre Leistungen weit über das hinausgehen, was normalerweise von ihnen erwartet werden könnte. Power und Hektik bringen sie zum Erblühen. Sie tanzen gerne auf vielen Hochzeiten, bringen es aber kaum fertig, ihren Alltag zu organisieren. Routine ist die reinste Qual! Im Beruf staunen die Kollegen manchmal über hervorragende Leistungen, besonders dann, wenn die Aufgabe abwechslungsreich, neu und interessant ist. Dann wieder scheitern sie an den einfachsten Dingen. Ihr Tag beginnt in der Regel mit einer Katastrophe.

 

 Und dennoch: Frauen mit ADS sind faszinierend

 und voller Elan.

 

 

 

 

Männer mit ADS

 

Viele ihrer Verhaltensauffälligkeiten ähneln denen der Frauen mit ADS. Aber nicht jeder Mann hat Probleme im Alltag oder Beruf. Ergreifen Männer Berufe, die ihrem Bedürfnis nach Abwechslung, Bewegung und immer wieder Neuem und Forderndem entsprechen, können sie sehr erfolgreich sein. Das hyperaktive Verhalten in der Kindheit geht bei einigen Erwachsenen in Inaktivität über. Innere Unruhe und Nervosität lassen gleichförmige und uninteressante Tätigkeiten als quälend erscheinen. Sie werden oftmals aufgeschoben. Ungeduld bestimmt das Verhalten im Straßenverkehr. Der ADS-Mann fährt gerne rasant und nimmt dabei noch immer alle Einzelheiten am Rande der Straße wahr. Blitzschnell reagiert er auf alle Gegebenheiten. Langsamfahrer reizen ihn zu impulsiven Äußerungen. Ist etwas neu und interessant , bringt sich der ADS-Mann ein. Je nach Interessenlage und Motivation kann sein Einsatz grenzenlos sein. Routinearbeiten kann er nur unter größten Anstrengungen und nur während eines kurzen Zeitraumes erledigen. Immer wieder hat er mit seinem hohen Anspruchsniveau und seinen Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Weil er reizoffen und empfindlich ist, können schon nebensächliche Ereignisse einen plötzlichen Stimmungsumschwung auslösen. Dann lässt er sich zu Reaktionen hinreißen, die ihm hinterher Leid tun. Ungeduld und schnell aufschießende Gefühle sind bei den meisten ADS Männern ein Problem dessen sie nur schwer Herr werden. Unter den Berufskollegen haben diese Männer begeisterte Mitstreiter – oder werden abgelehnt. Trotz eigener Unkonzentriertheit sind sie nicht selten Perfektionisten und haben Schwierigkeiten, Aufgaben zu delegieren. Es gibt kaum ein Mittelmaß für sie. Im Team zu arbeiten bereitet Probleme. Sie möchten alles selber bestimmen, Themen und Arbeitsabläufe festlegen und hören oft nicht gut zu. Sie kämpfen wie die Löwen für ein von ihnen entwickeltes Konzept und können nur schwer die Gedanken und Einwände anderer akzeptieren. ADS-Männer sind in Berufen, in denen sie selbständig und allein arbeiten können, zu besonderen Leistungen fähig, wenn sie sich die richtigen Bedingungen schaffen. Werden sie dort durch andere von langweiligen Routine- und Organisationsaufgaben entlastet, sind sie ein charmanter Chef und verständnisvoller Partner.

Wie die ADS-Frauen sind die Männer überaus empfindlich, wenn sie kritisiert werden. Nach heftiger Abwehr der Kritik sind sie verunsichert und haben Selbstzweifel. Je nach Temperament und Partnerbeziehung neigen sie dazu, Schuld anderen zuzuweisen. Oft fühlen sie sich falsch verstanden und ziehen sich in noch intensivere berufliche Aktivität zurück. ADS-Männer sind oft sehr warmherzig und liebevoll, wenn sie sich rückhaltlos angenommen fühlen. Sie sind dann für ihre Partnerin ein verlässlicher und aufmerksamer Partner. Werden sie als Kinder verstanden, liebevoll gefördert und überstehen sie die Schulzeit ohne seelische Verletzungen, können Männer mit Restsymptomen von ADS ein völlig normales Leben führen. Die verbleibenden Probleme, meist im Bereich der Daueraufmerksamkeit und Impulsivität, können sie ausgleichen. Viele ADS-Männer engagieren sich ebenfalls ehrenamtlich im sozialen Bereich. Sie finden so die Anerkennung, die sie so sehr brauchen, um ihren Selbstwert zu stabilisieren.

 

Werden sie bei all ihrer Spontaneität und Emotionalität wirklich erwachsen? Sind sie trotz dominierendem Verhalten und eingeschränkter Teamfähigkeit wirklich beziehungsfähig? Sicherlich, denn ADS-Männer können ihre Selbsteinschätzung und Selbststeuerung zu einem befriedigenden Leben und reifem Denken und Handeln entwickeln. Oftmals mit professioneller Hilfe.

 

 

 ADS-Männer sind alles

 nur kein Mittelmaß.

 

 

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, ein Krankheitsbild mit vielen Ausprägungen, ist weltweit die häufigste kinder- und jugendpsychiatrische Erkrankung. Sie „wächst“ sich – nach Ansicht der Wissenschaft – nicht aus. Vielmehr begleitet sie die Betroffenen in unterschiedlicher Ausprägung oft ein Leben lang. Wir rechnen heute damit, dass 4 bis 5 % der Kinder und etwa 1 bis 2 % der Erwachsenen betroffen sind.

Für die Diagnostik und vor jeder Therapie ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen ADS nicht erst als Erwachsene bekommen, sondern ADS schon seit ihrer Kindheit haben.

 

 

 

 

(Auszüge aus dem Buch von Dr. med. Dieter Pütz, Chefarzt der Deister Weser Kliniken in Bad Münder)



Weitere Informationen über Erwachsenen-ADS findet man auf:
http://www.ads-bei-erwachsenen.de/

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