ADS Rheine





Was ist ADS?


Besonderheiten bei der Gehirnentwicklung

1. Beim ADS/ADHS handelt es sich um eine angeborene, typisch veränderte zentrale Wahrnehmungsverarbeitung, deren Ursache eine Funktionsstörung im Stirnhirn ist. Dadurch kommt es zur Reizfilterschwäche mit Reizüberflutung von Teilen des zentralen Nervensystems. Je nach Schweregrad des Betroffenseins ist somit die Verarbeitung der verschiedenen Wahrnehmungsreize von Anfang an beeinträchtigt.

2. Diese Reizüberflutung setzt Stresshormone frei, die das Befinden des noch jungen Säuglings beeinträchtigen können. Manche Säuglinge reagieren mit unstillbarem Weinen und großer Schreckhaftigkeit. Als Dauerstress kann das zur Schwächung des Immunsystems führen; Infektionen und Allergien können die Folge sein.

3. Ein dicht verzweigtes Netz von Nervenfasern ist eine Grundvoraussetzung für eine gute intellektuelle Entwicklung. In Verbindung mit Reizfilterschwäche kommt es zu dem für ADS/ADHS so typischen divergenten, vom Thema abschweifenden Denken. Die gestörte Reizfilterung überlastet das Arbeitsgedächtnis.

4. Ein frühzeitiges und regelmäßiges Anbieten von verschiedenen Wahrnehmungs-reizen fördert die Bildung von Leitungsbahnen im Gehirn, die eine Automatisie-rung in der Reizverarbeitung ermöglichen. Diese Automatisierung der Reizver-arbeitung ermöglicht erst ein schnelles und auf Erfahrung beruhendes, ange-passtes und erfolgreiches Handeln und Denken. Es ermöglicht auch ein schnelles und richtiges Entscheiden.

5. Menschen mit ADS/ADHS fällt beides oft schwer. Kann abgespeichertes Wissen nicht schnell genug abgerufen werden, können sich Teilleistungsstörungen entwickeln. Der Mangel an entsprechenden Leitungsbahnen zur Automatisierung der Reizbeartung erschwert den Lernprozess.

6. Auch das so wichtige konvergente Denken, das zielgerichtet, konzentriert und themengebunden erfolgt, kann erschwert sein. Die Betroffenen werden durch eigene Gedanken und durch Umweltreize ständig abgelenkt.

7. Beim ausgeprägten ADS/ADHS besteht ein divergenter Denkstil (vielschichtig, auseinanderstrebend), der oft zum Abweichen vom Thema führt, aber auch das so wertvolle kreative Denken der Betroffenen ermöglicht. Sehr viele innovative Ideen, Erfindungen und Entdeckungen verdanken wir Menschen mit ADS/ADHS und ihrer besonderen Art der Wahrnehmungsverarbeitung. Menschen mit ADS/ADHS haben viele gute Eigenschaften und besondere Fähigkeiten, sie müssen sie nur zu nutzen wissen und mit einem guten Selbstwertgefühl durch die Schulzeit kommen.

Schlechte Konzentration

1. Viele Menschen mit ADS/ADHS klagen darüber, dass sie immer zu viele Gedanken gleichzeitig im Kopf haben, sich nur schlecht auf eine Sache konzentrieren können und dadurch vergesslich sind.

2. Ihr divergenter Denkstil macht es ihnen schwer, beim Thema zu bleiben und langen Gesprächen zu folgen. Beim Reden verzetteln sie sich durch zu viele Ideen, schweifen vom Thema ab. Ihre Gedanken bleiben nicht auf den „Autobahnen“, sondern durchfahren viele Nebenstraßen und bleiben dort auch manchmal hängen.

3. Menschen mit ADS sind oft außerordentlich kreativ, haben innovative Ideen, vorausgesetzt sie verfügen über genügend Fachkompetenz und Selbstvertrauen.

4. Beim Erzählen oder Handeln verlieren sie leider manchmal den Faden und schweifen vom Thema ab. Dann wird das Schreiben von Aufsätzen zum Problem. Beim Lesen eines Fachtexts verlieren sich ihre Gedanken, sie haften an interessanten Nebensächlichkeiten, ohne das Wesentliche zu erfassen.

Besonderheiten beim Lernen

1. Beim Lernen wird das gut behalten, was für sie interessant, visuell oder emotional ansprechend dargestellt wird. Sie merken sich gern Nebensächlichkeiten, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Ihre Zensuren in der Schule sind sehr abhängig von der Persönlichkeit des Lehrers, seinem Unterrichtstil und der Sympathie zum Lehrer sowie vom Interesse am Thema.

2. Menschen mit ADS lernen vorwiegend visuell, sie haben ein fotografisches Gedächtnis. Sie können sich besser konzentrieren, wenn sie beim Lernen mehrere Wahrnehmungskanäle gleichzeitig aktivieren. Das bedeutet vor sich hin sprechen, das Wichtige farblich markieren, wiederholen und dabei, wenn möglich, im Zimmer auf und ab gehen. Bei Stress, Ärger und emotionaler Erregung kann es zum Blackout kommen.

3. Menschen mit ADS können sich aber auch sehr gut und manchmal besser als anderen konzentrieren, wenn sie von einer Idee fasziniert sind. Dann können sie hyperfokussieren und sind voll bei der Sache. Leider ist ihnen das für Routine-tätigkeiten im Alltag nur selten möglich.

4. Stillsitzen beim Lernen verleitet zum Abgleiten der Gedanken. Deshalb alle möglichen Außenreize vermeiden: Keine Telefon- oder Handyanrufe annehmen, kein Fernsehen oder Radiohören beim Lernen. Manche können sich bei leiser Musik besser konzentrieren, was aber im Einzelfall erst zu überprüfen wäre. Kein Läuten an der Haustür durch Freunde gestatten während der festgelegten Haus-arbeitszeit. Freunde, die nur fragen wollen, ob er oder sie zum Spielen kommt, beeinträchtigen die Lernmotivation und die Sorgfalt bei den Hausaufgaben ist vorbei.

5. Hausaufgabenheft und Hausaufgaben sollten kontrolliert werden bei Kindern mit und ohne ADS, deren Schulleistungen nicht ihren Fähigkeiten entsprechen. Die Begabung dieser Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADS/ADHS liegen oft weit über ihren tatsächlichen Leistungen.

6. Die Diskrepanz zwischen ihren Fähigkeiten und den tatsächlich erbrachten Leistungen spüren die Betroffenen. Sie leiden darunter, sind verunsichert und beginnen an ihren Fähigkeiten zu zweifeln, ihr Selbstwertgefühl gleitet in eine Negativspirale. Die hyperaktiven Kinder reagieren dabei aggressiv, die hypoaktiven resignieren und ziehen sich zurück.

7. Für ein erfolgreiches Lernen ist Motivation eine wichtige Voraussetzung. Sie aktiviert das neuronale Netzwerk für eine Informationsaufnahme. Deshalb ist die Vorsatzbildung mittels Selbstinstruktion wichtig für erfolgreiches Lernen.

ADS und Teilleistungsstörungen

1. Unter den ADSlern gibt es viel mehr sehr und hoch Begabte als man vermutet. Nur durch die verschiedenen Beeinträchtigungen können sie in ihrem Denken und Verhalten nicht sofort den Anforderungen entsprechen. Sie merken, dass sie oft zu langsam oder zu schnell und unüberlegt reagieren. Ihnen fallen bei emotiona-ler Erregung nicht gleich die passenden Worte ein.

2. Durch Mangel an Botenstoffen und unzureichend angelegten Leitungsbahnen für die Reizverarbeitung können sie nicht so schnell über ihr abgespeichertes Wissen verfügen. Deshalb können sie viel schwerer aus Fehlern lernen und Entscheidun-gen treffen.

3. Der Mangel an dem zur Weiterleitung eines bestimmten Reizes erforderlichen Botenstoffes auf der dazu gehörigen Leitungsbahn erschwert auch die Automatisierung beim Abruf von Handlungen, verbalen Reaktionen und von Lerninhalten. So haben einige ADSler Probleme beim Rechnen und andere wiederum bei der Rechtschreibung oder beim Lesen.

4. Die Rechenschwäche beim ADS/ADHS zeigt sich bald nach der Einschulung. Der Betroffene ist nur schwer in der Lage, das Subtrahieren im Bereich von 1-20 zu automatisieren, er kommt vom Rechnen mit den Fingern nicht los. Auch andere Rechenwege werden nicht automatisiert, wie die Subtraktion im Hunderter-bereich, das Einmaleins oder das Erlernen der Uhr. Das Umrechnen von Mengen erlernen sie nur über die Anschauung und die muss möglichst früh verinnerlicht werden. Wie viel ist ein Liter, ein Meter, ein Kilometer, eine Minute, eine Stunde jeweils von einer Menge und das Verhältnis zueinander. Das sollte schon vor der Einschulung spielerisch vermittelt werden.

5. Die Lese-Rechtschreibschwäche: Lesen und Schreiben haben ein Reihe von Voraussetzungen, wie eine gute Konzentration, eine gute Merkfähigkeit, ein gutes Wortbildgedächtnis, eine ausreichende Intelligenz, ein gut abgestimmtes beidäugiges dynamisches Sehen, eine gute Differenzierung des Gehörten und eine gute Feinmotorik, insgesamt eine altersentsprechende Entwicklung. Die Wahrnehmungsverarbeitung kann beim ADS/ADHS in unterschiedlichster Weise beeinträchtigt sein. Sie beeinträchtigt dann das Lernen und sie hemmt vor allem die Motivation zum Lernen und Üben. Eine Leserechtschreibschwäche und/oder eine Rechenschwäche können die Folge sein.

6. Hat ein Kind eine Lese-Rechtschreib- und/oder Rechenschwäche, sollte die Schwere seiner Beeinträchtigung der Wahrnehmungsverarbeitung untersucht und ein ADS/ADHS ausgeschlossen werden. Besonders dann, wenn Üben allein keinen ausreichenden Erfolg bringt. Dann empfiehlt es sich, nach Ursachen zu suchen und diese zu beseitigen. Noch viel zu oft wird nur am Symptom gearbeitet mit unzureichendem Erfolg.

7. Die Ursache beseitigen bedeutet z. B. das ADS/ADHS mit einem problem-orientierten, persönlichkeitszentrierten und multimodalen Therapieprogramm zu behandeln. In meiner Praxis konnte ich bei vielen Kindern und Jugendlichen mit ADS/ADHS Probleme im Schreiben, im Lesen oder/und im Rechnen feststellen.

8. Besonders beim ADS ohne Hyperaktivität sind es nicht so sehr die Verhaltens-störungen, sondern die Lernstörungen, die das Kind auffällig erscheinen lassen. Schlechte Noten trotz guter Intelligenz und Fleiß haben Unzufriedenheit zur Folge, die Resignation, Ängste und psychosomatische Beschwerden auslösen können. Mit dieser Symptomatik werden dann diese oft intellektuell gut befähigten Kinder in der kinder- und jugendpsychiatrischen Sprechstunde vorgestellt.

ADS/ADHS und Intelligenz

1. Je intelligenter ein Kind ist, um so mehr leidet es unter seiner Problematik. Wenn ein hochbegabtes Kind im Diktat oder in der Rechenarbeit gerade mal eine schwache drei hat, ist es enttäuscht über seine Leistung. Deshalb ist die Fest-stellung der Intelligenz bei der Diagnostik aller Teilleistungsstörungen wichtig.

2. Die Untersuchung der Intelligenz bei allen Kindern mit schulischen Problemen ergab, dass Kinder mit ADS/ADHS im Durchschnitt zu den nicht Betroffenen eine höhere Intelligenz haben. Insbesondere liegt z. B. beim HAWIK die Anzahl der ermittelten IQ-Werte im Hochbegabtenbereich deutlich höher als 3%, wie er bisher statistisch für die Durchschnittsbevölkerung angegeben wurde. Nach meiner Statistik haben etwa 5-6% aller ADSler einen IQ, der zumindest im Verbal-teil im Hochbegabtenbereich liegt (vor einer Behandlung). Diese Feststellung deckt sich mit den Erfahrungen anderer Spezialisten, die schon über mehre Jahre intensiv und vorwiegend mit diesen Kindern arbeiten. Auf entsprechende wissen-schaftliche Studien wird man erst dann zurückgreifen können, wenn auch Kinder und Jugendliche mit einem ADS ohne Hyperaktivität statistisch miterfasst werden, was bisher nicht immer erfolgt.

3. Wird ihre gute bis sehr gute Intelligenz nicht erkannt, entwickeln sich viele dieser hoch- und sehr begabten Kinder und Jugendlichen mit ADS/ADHS zu „Underachievern“, das heißt, sie bleiben weit unter ihren Möglichkeiten und leiden darunter. Wie das verhindert werden kann und wie man die Intelligenz aller Kinder mit und ohne ADS fördert, das habe ich ausführlich in meinem Buch beschrieben: „Kinder und Jugendliche mit Hochbegabung - erkennen, stärken, fördern, damit Begabung zum Erfolg führt.“ 2005 im Kohlhammer Verlag erschienen.




Neurobiologische Grundlagen und Vererbung des ADS/ADHS


A. Was man vom Aufbau des Nervensystems wissen sollte:

  1. Eine wichtige Voraussetzung für die Funktion des Gehirns besteht darin, dass die peripheren Nervenzellen (Neuronen) die verschiedensten Wahrnehmungsreize in bioelektrische Impulse transformieren. Diese werden dann weitergeleitet zu den entsprechenden Zentren im Zentralnervensystem und dort "verarbeitet". Werden zwei Neurone wiederholt und gleichzeitig bioelelektrisch erregt, verbinden sie sich an den Schaltstellen (Synapsen) miteinander. Aus der Summe der vielen Verbindungen entsteht dann ein neuronales Netzwerk (ein Nervengeflecht).

  2. Je mehr Wahrnehmungen in bioelektrische Impulse verwandelt und von den Nervenzellen weitergeleitet werden, desto umfangreicher entwickelt sich das neuronale Netzwerk. Je weniger Wahrnehmungsreize weitergeleitet werden, umso weniger Nervenzellen (Neuronen) verbinden sich miteinander. Nervenzellen, die keine bioelektrischen Impulse bekommen, lösen sich nach einer gewissen Zeit auf.

  3. Durch die Vernetzung von Milliarden von Nervenzellen und deren genetisch vorgegebene "Spezialisierung" können wir Fähigkeiten erwerben, Informationen und Erfahrungen abspeichern und diese auch bei Bedarf wieder sofort abrufen. Dabei werden alle neu eintreffenden Wahrnehmungen mit den schon gespeicherten Mustern verglichen, was uns dann als Erfahrung oder als Erinnerung zur Verfügung steht und zur Grundlage unseres Wissens wird.

B. Die Funktion des Nervensystems:

  1. Damit wir nur für uns Wichtiges aufnehmen und abspeichern, ist ein Filtersystem erforderlich, das unwichtige Reize ausblendet. Funktioniert dieser Filter nicht oder nur unzureichend, wird unser Gehirn mit Reizen überlastet. Auf die Dauer überfordert das unser Arbeitsgedächtnis, wichtige Informationen gehen uns verloren, unsere Merkfähigkeit leidet.

  2. Gelingt in den Zentren der Wahrnehmungs(Reiz)verarbeitung die Spezialisierung auf Grund einer vererbten oder anlagebedingten Störung nicht, so sind Wahrnehmungsstörungen die Folge. In der Praxis lässt sich eine familiäre Häufung von Wahrnehmungs(verarbeitungs)störungen nachweisen, vorausgesetzt man sucht danach. Ein Beispiel dafür ist das familiär gehäufte Auftreten von Rechtschreib- oder Rechenschwäche, als eine Folge multipler Wahrnehmungsstörungen und einer beeinträchtigten Konzentration.

  3. Damit das abgespeicherte Wissen schnell, gezielt und sicher wieder abrufbar und somit verfügbar ist, muss unser Gehirn zu den betreffenden Zentren Bahnen ausbilden. Ähnlich den Autobahnen, die möglichst ohne Umwege und Staus zu den gewünschten Zielen führen. Das erfordert ein regelmäßiges Training der Wahrnehmungsverarbeitung in bestimmten Prägungsphasen der Entwicklung und die ist in den ersten 6-8 Lebensjahren angesiedelt. Da nur bei ständiger Wiederholung gleicher Wahrnehmungsreize sich ganz bestimmte Bahnen zu ihren Zentren im Gehirn bilden, ist häufiges Training erforderlich. Über diese Bahnen kann später die Automatisierung von kognitiven Leistungen und Verhaltensweisen erfolgen.

  4. Das unterstreicht die Notwendigkeit einer frühen und regelmäßigen gezielten Förderung, die wichtig ist, zur Verhinderung von Wahrnehmungsverarbeitungs-störungen. Denn bis zum Erreichen des Schulalters sollten die wesentlichsten Bahnen, die das Kind zum Lernen benötigt, ausgebildet sein.

  5. Die Vernetzung der Nervenzellen beginnt nach der Geburt. Für die dann folgende Ausbildung der Bahnen für eine schnelle und effektive Weiterleitung der bioelektrischen Impulse sind nicht nur kognitive Reize wichtig, sondern auch regelmäßige körperliche Tätigkeiten.

C. Die Rolle der Botenstoffe:

  1. Damit Reize über Milliarden von Nervenzellen weitergeleitet werden können, sind Transportstoffe erforderlich, die so genannten Botenstoffe. Es gibt davon eine Vielzahl, aber die wichtigsten sind Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und Acetylcholin. Sie leiten die Reize der verschiedensten Wahrnehmungen in ganz unterschiedliche, aber vorbestimmte Bereiche des Zentralnervensystems weiter.

  2. Um eine Überlastung der Nervenleitungen zu verhindern, sind zwischen den einzelnen Nervenzellen Schaltstellen eingebaut, ähnlich den Sicherungen unseres elektrischen Stromnetzes. In diesen Schaltstellen (Synapsen) müssen immer die entsprechenden und gerade benötigten Botenstoffe in ausreichender Menge vorhanden sein. Ihr Mangel hat sonst eine Funktionsstörung zur Folge, die der Körper auszugleichen versucht, was ihm nur bei geringem Mangel und zeitlich begrenzt gelingt.

D. Was ist bei ADS/ADHS in unserem Gehirn anders?

Beim ADS/ADHS haben wir:

  1. Eine Reizfilterschwäche, d.h. das Gehirn wird von Geburt an mit viel zu viel Reizen überlastet. Sehr viele Nervenzellen bleiben zwar dadurch erhalten, aber es leidet die Ausbildung der für ein angepasstes und schnelles Denken und Handeln so wichtigen Nervenbahnen. Im Kopf herrscht Chaos und viel zu viele Gedanken blockieren gezieltes und überlegtes Denken und Handeln. "Ich habe ständig Kino im Kopf" oder" abends komme ich vor lauter Grübeln nicht in den Schlaf", so einige Aussagen von Betroffenen.

  2. Einen Mangel an einzelnen Botenstoffen, der genetisch bedingt ist, also vererbt wird. Was bedeutet das für die Betroffenen und welche Folgen hat das? Beim ADS/ADHS spielt der Mangel an Botenstoffen eine wesentliche Rolle. Er bestimmt das Erscheinungsbild, je nachdem, welcher Botenstoff an welchem Ort zu wenig vorhanden ist. Im vorderen und hinteren Bereich des Gehirns gibt es je ein Zentrum für Daueraufmerksamkeit. Das vordere Zentrum wird von Nerven versorgt, deren Reize mittels Dopamin weitergeleitet werde, da hintere benötigt ausreichend Noradrenalin als Botenstoff. Besteht z. B. ein Mangel von beiden Botenstoffen, so reagiert der Betroffene mit Unaufmerksamkeit, er kann nicht bei der Sache bleiben, nicht anfangen und Begonnenes nicht beenden. Es sei denn, es ist für ihn sehr interessant.

    Die wichtigsten Botenstoffe und ihre Funktionen:

    1. Dopamin ist für die Regulation des Verhaltens und der Feinmotorik verantwortlich. Bei Dopaminmangel kann das Verhalten nicht ausreichend gesteuert werden. Der Betroffene regt sich schnell und übermäßig stark auf, er reagiert impulsiv. Seine Motorik ist überschießend und ungebremst. Er motiviert sich durch Hyperaktivität um den Mangel an Dopamin auszugleichen, dabei ist sein Tun und Handeln oft wenig zielgerichtet. Die Feinabstimmung der Motorik ist beeinträchtigt. Dopamin setzt das körpereigene Belohnungssystem in Gang, was ein Gefühl des Erfolges, der Zufriedenheit mit sich und seiner Leistung bewirkt und einen Motivationsschub auslöst.

    2. Noradrenalin versorgt ein im hinteren Bereich des Gehirns liegendes Aufmerksamkeitszentrum. Dieses Zentrum ist auch für die Regulation der Motivation, der Stimmung und des Gedächtnisses für Gefühle verantwortlich. Noradrenalin reguliert unser Verhalten, verhindert zu starke Schwankungen unserer Gefühle.

    3. Serotonin ist der Botenstoff, der das Gefühlszentrum versorgt, Stimmung, Antrieb und seelisches Wohlbefinden reguliert. Es beeinflusst auch die Ausschüttung von Stresshormonen und es ist auch der Botenstoff für das Nervensystem unseres Darmtraktes. Auf Serotoninmangel reagiert der Körper mit Ängsten, Zwängen und depressiven Verstimmungen.

    4. Acetylcholin ist wichtig für die Gedächtnisbildung, seine Rolle beim ADS/ADHS ist noch wenig erforscht.

3. Bewegung und regelmäßiges sportliches Training gleichen die Defizite der einzelnen Botenstoffe in gewissem Grade untereinander aus und fördern somit die Konzentration und Daueraufmerksamkeit für einen begrenzten Zeitraum. Auch Aggressionen werden abgebaut, so genannte "Glückshormone" werden gebildet und lösen ein Gefühl des Wohlbefindens aus. Leider ist diese Wirkung nicht von Dauer.

ADHS/ADS und Vererbung:

Für die wichtigsten drei Botenstoffe des ADS/ADHS konnte bisher eine genetisch bedingte Transporterstörung wissenschaftlich nachgewiesen werden. Sie ist auf mehrere Gene verteilt. Die Summe der betroffenen Gene entscheidet über die ganz spezielle und sehr unterschiedliche Symptomatik des ADS/ADHS. Die Gene haben einen additiven Effekt, d.h. je mehr Gene betroffen sind, umso ausgeprägter ist die Symptomatik des ADS/ADHS.

Haben beide Elternteile nur wenig betroffene Gene, besteht eine ADS-Veranlagung, wobei deren Kinder eine ausgeprägte ADS-Symptomatik haben können, wenn sie von beiden Eltern gerade die betroffenen Gene geerbt haben.

Beim ADS/ADHS bestehen eine Reizfilterschwäche und ein Botenstoffmangel von Geburt an. Es handelt sich also um eine angeborene Regulationsstörung im Nervensystem, deren Ursache eine Unterfunktion im Stirnhirnbereich ist und je nach Schwere die Entwicklung des Betroffenen mehr oder weniger beeinflussen kann. Wie stark die Beeinträchtigung ist, hängt von den vorhandenen Ressourcen des Betroffenen und vom Verhalten des sozialen Umfeldes ab.



Mit freundlicher Genehmigung von

Dr. Helga Simchen
Kinderarzt / Kinderneurologe / Kinder- und Jugendpsychiater
Tiefenpsychologische Psychotherapie / Verhaltenstherapie / Systemische Familientherapie / Hypnose
Bonifaziusplatz 4a 55118 Mainz Tel.: 06131-618711

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